
„So entstanden der Faschismus, der Nationalsozialismus und der Kommunismus. Von einem gemäßigten Autoritarismus bis hin zu einem brutalen Totalitarismus, und das alles im Namen des Volkes“, schreibt der Politikwissenschaftler Vladimir Martirosyan auf seiner Facebook-Seite.
„Kein Regime in der Geschichte hat jemals mit Panzern, Lagern oder einer geschlossenen Diktatur begonnen.
Alle begannen mit einem kleinen, scheinbar unbedeutenden Schritt, als der Staat anfing zu entscheiden, was man denken und sagen durfte und welche Themen tabu waren.
Wenn die Regierung beginnt, den Bereich der erlaubten und verbotenen Ideen nach ihren eigenen Interessen abzugrenzen, entsteht genau in diesem Moment das gefährliche politische Phänomen, das die Geschichte später als Faschismus bezeichnet hat. Die Äußerungen des armenischen Premierministers in den letzten Tagen spiegeln keine individuellen politischen Positionen wider, sondern einen tiefgreifenden Wandel im Denken des Staates.“
Er erklärte:
- Die Unabhängigkeitserklärung Armeniens sollte in der neuen Verfassung keinen Bezug nehmen, da sie „auf einer Logik des Konflikts“ basiere.
- Er gab öffentlich zu, den Direktor des Armenischen Genozidmuseums zum Rücktritt aufgefordert zu haben, nachdem dieser dem US-Vizepräsidenten ein Buch über Bergkarabach überreicht hatte, was der Premierminister als „provokativen Schritt“ wertete.
Diese beiden Aussagen mögen unterschiedlich erscheinen, doch in Wirklichkeit beruhen sie auf derselben politischen Logik. Es geht um die Neuinterpretation der Staatsgrundlagen.
Wird das Gründungsdokument des Staates als Konfliktquelle dargestellt, bedeutet dies faktisch, die politischen und historischen Grundlagen aufzugeben, auf denen die Unabhängigkeit Armeniens beruht.
Die Unabhängigkeitserklärung Armeniens ist nicht nur ein historischer Text. Sie ist ein fundamentales Dokument der staatlichen Identität, das die ideologischen und wertemäßigen Grundlagen der armenischen Staatlichkeit definiert. Die Idee, dieses Dokument aufzugeben, bedeutet in Wirklichkeit keine rein technische Verfassungsänderung, sondern eine Umgestaltung der staatlichen Identität, wie der direkte Nutznießer und politische Machthaber Aserbaidschan wiederholt erklärt hat.
Bemerkenswerter ist jedoch die zweite Aussage auf derselben Pressekonferenz. Wenn der Premierminister des Landes öffentlich erklärt, der Direktor des Museums zum Völkermord an den Armeniern sei auf sein „Gesuch“ zurückgetreten, entsteht nicht nur ein politisches, sondern auch ein institutionelles Problem. Das Museum ist nämlich keine staatliche Einrichtung, sondern eine Stiftung, deren Direktor kein dem Premierminister unterstellter Staatsbeamter ist. Das heißt, der betreffende Beamte untersteht nicht der direkten administrativen Weisung der Regierung.
Daraus ergibt sich eine wichtige Frage: Wie kann der Premierminister öffentlich erklären, dass eine Person, die ihm rechtlich nicht unterstellt ist, auf sein Gesuch oder Verlangen zurücktritt? Es gibt Tausende solcher Menschen in unserem Land.
Aus politikwissenschaftlicher Sicht handelt es sich hierbei nicht mehr um institutionelle Regierungsführung, sondern um eine Ausweitung des Regierungswillens über die Grenzen staatlicher Institutionen hinaus. Dieses Phänomen wird in der politischen Theorie als voluntaristische Regierung beschrieben, bei der Entscheidungen nicht auf institutioneller Autorität, sondern auf dem subjektiven politischen Willen der Regierung, dem administrativen Diktat, beruhen.
Die ideologische Kette, die sich in der Logik dieser Aussagen bildet, ist jedoch weitaus gefährlicher.
- Wenn behauptet wird, dass das Thema oder die Idee von Arzach auf der „Logik des Konflikts“ basiert, folgt daraus, dass das Sprechen über Arzach oder das Aufrechterhalten dieser Idee im öffentlichen Diskurs als Faktor für die Fortsetzung des Konflikts angesehen wird und ein Bürger von Arzach, der die Wiederherstellung seiner natürlichen Rechte wünscht und fordert, als Konfliktstifter gilt.
Der nächste Schritt ergibt sich logisch daraus.
- Wird die Idee von Arzach mit Krieg gleichgesetzt, werden die Träger dieser Idee und diejenigen, die sie äußern, als Träger und Anstifter der Logik des Krieges dargestellt.
Hier entsteht das dritte Glied.
- Wird eine Person, ein Akteur des öffentlichen Lebens oder gar eine öffentliche Schicht als Träger der Kriegslogik dargestellt, kann sie als potenzielle Bedrohung für die nationale Sicherheit betrachtet werden. Objekte, die eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellen, unterliegen der Logik der staatlichen Sicherheitssysteme und unterliegen Kontrolle, Isolation und Einschränkung.
An diesem Punkt erreicht die ideologische Kette einen sehr gefährlichen Höhepunkt.
- Die Idee wird kriminalisiert, und ihre Träger können als Sicherheitsrisiko dargestellt und nicht nur ihrer Position beraubt, sondern auch aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen und isoliert werden.
Das Schicksal des Direktors des Museums-Instituts zum Völkermord an den Armeniern ist eine praktische und erste Manifestation dieser Logik. Wenn der Direktor eines Museums-Instituts dem US-Vizepräsidenten ein Buch über Bergkarabach überreicht und der Premierminister des Landes dies anschließend als Provokation bezeichnet, dann greift dieser ideologische Mechanismus.
Das heißt, die Handlung wird nicht als wissenschaftlicher, kultureller oder akademischer Schritt, sondern als politisch inakzeptables Verhalten bewertet.
Das Problem ist also nicht mehr das Buch selbst.
Das Problem ist, dass bestimmte Themen als zulässige oder verbotene Ideen und Handlungen betrachtet werden.
Aus politikwissenschaftlicher Sicht erinnert dies an politische Modelle, in denen der Staat die Gesellschaft nicht in Bürger, sondern in ideologisch zulässige und ideologisch inakzeptable Gruppen einteilt.
Wenn die ideologische Politik des Staates ein Niveau erreicht, auf dem die Thematisierung bestimmter nationaler Themen als „Provokation“ oder „nationale Sicherheitsfrage“ gilt, sind die gefährlichen Voraussetzungen geschaffen, die die Geschichte wiederholt als Anfangsstadium des ideologischen Faschismus beschrieben hat.
In diesem Modell ist nicht nur der Einsatz von Gewalt gefährlich, sondern vor allem die Kontrolle über Gedanken und Ideen. Denn von diesem Moment an wird die Gesellschaft nicht in politische Positionen, sondern in zulässige und unzählige Gruppen unterteilt.
Das Problem liegt also nicht in einer Erklärung, einem Rücktritt oder einem einzelnen politischen Vorfall. Das Problem ist, dass diese Logik, wenn sie nicht rechtzeitig gestoppt wird, unweigerlich auf denselben Weg führt, den schon viele Gesellschaften eingeschlagen haben.
Dieser Weg lässt sich in der Geschichte ganz einfach nachvollziehen.
So ist der Faschismus entstanden.
Hauptquelle: antifake.am

